Zu meinem Zyklus:

" DAS  GEHEIMNIS  DER  GESTALTWERDUNG "

Den ganzen Zyklus habe ich aus wenigen Grundrastern heraus entwickelt . Meine Bildschöpfungen nehmen ihren Anfang mit dem kleinsten geometrischen Element, dem Punkt als Gebilde mit der minimalsten Ausdehnung. Vom Ausgangspunkt geht es Punkt für Punkt bis zum Endpunkt. Es ist ein traumwandlerisches Unterwegssein, durch unendliche Räume. So entstehen aus kleinsten  Bausteinen Bildschöpfungen, die vorher nicht waren. Wir nennen diese gestaltende Urkraft Phantasie, kennen aber die Regeln und Gesetzmäßigkeiten nicht, nach denen sie die Bausteine und Bildelemente miteinander verknüpft und vernetzt. Wir kennen auch nicht, was antreibt und unentwegt Neues hervorbringt. So nennen wir dieses anregende, beflügelnde und inspirierende Walten zufällig, weil es uns an Informationen fehlt über das, was unser Handeln und unsere Wahl bestimmt. Wir nennen das Zufällige blind, weil wir seinem Sinn gegenüber blind sind.

Jeder Punkt kann Anfang, Wiederholung, Mitte oder Ende bedeuten. Der Raster gehört zur Grammatik des Welttextes. Er kann von oben nach unten, von unten nach oben, von links nach rechts oder im Krebsgang von rechts nach links, diagonal oder einfacher gesagt spiegelbildlich gelesen werden. Der Welttext bedient sich einer Bildsprache deren Buchstaben Punkte und Striche, Dreiecke, Vierecke, Kreise oder andere Figuren sind. Traditionellerweise ist die Eins mit dem Punkt, die Zwei mit dem Strich, die Drei mit der Fläche und die Vier mit dem Körperhaften festgelegt.

Mit der Zwei beginnt die Schöpfung und es entsteht Dynamik und Dialog. An der Zwei erleben wir das Verbindende und das Trennende, was sich auch in Wortbildungen wie Zwirn, Zweifel, Zwist, Zwiespalt u.s.w. niedergeschlagen hat. Auch die Atomstruktur beginnt mit der Zwei, mit dem Zwillingspaar Elektron/Positron. So treten in der Natur  Polarität und Symmetrie zusammen auf.

Letztlich spiegeln sich alle Regelmäßigkeiten von Form und Struktur auf den Symmetrien der ato maren Muster wieder. Wenn ein Elektron hinzugefügt oder weggenommen wird macht dies in der Atomwelt einen ungeheuren Unterschied aus. Denn ein Elektron mehr oder weniger kann zu einer völligen Wandlung von Qualitäten führen. Die Analogien zwischen Symmetrieelementen und Archetypen sind offenbar außerordentlich stark. Hier liegt der Angelpunkt der Struktur der Wirklichkeit. Die Zahl ist dasjenige Element, welches geeignet scheint die Bereiche von Stoff und Psyche zu vereinigen. Die natürlichen Zahlen haben Persönlichkeit und einen individuellen Charakter und sind keinesfalls nur abstrakte Mengen und Ordnungen. Die Zahlen haben sowohl einen Ordnungs - wie einen Sinnaspekt. Die Zahl ist Urmanifestation des Geistes als auch unabdingbare Eigenschaft der Materie.

Durch Wiederholungen setze ich das Einzelne in ein Kontinuum. Die Kette läßt das Gefühl von Dauer und Ewigkeit aufkommen. Der vergehenden Zeit steht so die Wiederholung entgegen, die Dauer von Gegenwärtigkeit bewirkt. Die Repetition im Raum und in der Zeit ist von alters her ein wichtiges, strukturbildendes und gleichzeitig Mächtigkeit erzeugendes Element. Alle repetitiven Strukturen lassen sich  auch als Spiegeleffekte deuten. Strengste Gesetzlichkeit, dichte Repetition lösen im Betrachter eine Überwältigung aus. Das Ornament repräsentiert in seiner repetitiven Struktur heilige Mächtigkeit und heiligen Ernst.

Der Punktraster strukturiert Raum und Zeit und stiftet zugleich Einheit in der unübersehbaren Vielfalt der Möglichkeiten. - Die Symbole, die sowohl dem Geistigen, wie dem Seelischen und dem Materiellen zu Grunde liegen, entwickeln sich aus den Strukturen des Grundrasters. So besteht zwischen den Systemen eine Wechselwirkung und das Symbol übernimmt die Brückenfunktion. Im Punkt selber ist die Materie, (der Mutterstoff) auf ein Minimum reduziert und eingedampft. Die Zwischenräume, das Weiß des Blattes ist das Medium des Geistes und dieser ist es, der Sinn stiftet, der ordnet, wertet, gewichtet, deutet und aus Zahlen Sinnstrukturen schafft. Dabei  ist es nicht auszumachen, was in diesem binären System fundamentaler ist, die Statik oder die Dynamik des Entstehungsprozesses. Das Weiß des Papiers, die Leere, umfaßt aber zugleich die Fülle, ein ungestaltetes chaotisches und fernes Da, wo es keine Einzelheiten und Aussagen mehr gibt. Man steht an der Grenze und in einem Bereich, wo das Sein nicht mehr rational faßbar und formu  lierbar ist. Die so entstandenen Arbeiten verkörpern nicht nur mathematische Ideen, sondern sind zugleich ästhetische Phänomene und Symbole, die auf einen geistigen Hintergrund hinweisen. Der Raster und die mathematischen Strukturen sollen keineswegs die Welt entzaubern, sondern im Alltäglichen die Wunder der Gestaltwerdung sichtbar und verstehbar machen.

Der Raster wird zur Projektionsfläche für Bilder  und Figuren, die ich in mir trage. Es ist keinesfalls möglich, nicht zu projizieren, und nicht zu kommunizieren.

Im Meditieren des Rasterfeldes wird man teilhaftig an der Allmacht kosmischer Ordnungen und gelangt so in die kreativen Zwischenzonen, in Zonen zwischen Wachen und Schlaf. In diesen Be- reichen ist man ganz nah an der anderen Welt, die zur Offenbarung drängt.

Das Rasterfeld ist Spielbrett, Weltfläche und Austragungsort von Entscheidungen. Wie finde ich aber aus den unauslotbar vielen Möglichkeiten einen Weg, der Sinn macht, damit mein Tun nicht in die Irre geht und in die Verzweiflung und Haltlosigkeit führt?
Jeder Weg den wir einschlagen, ist ein Weltnovum er ist einmalig. Kein Mensch kann alle Möglichkeiten des Menschseins verwirklichen. - Alle Möglichkeiten leben zu wollen,   wäre eine süchtige Haltung .

Jeder Rasterpunkt nimmt zu jedem gegebenem Augenblick einen Punkt des Raumes ein. Das Ver binden  dieser feststehenden und verharrenden Punkte läßt eine Weltlinie  entstehen, eine Linie die Welt schafft. Diese entsteht durch lebendige Überwindung toter Punkte.

Nun liegen aber unzählige Möglichkeiten der Gestaltwerdung und Auskristallisationen vor, die einen ob der Vielfalt schaudern machen. Man steht nicht nur beglückt, berauscht und süchtig vor der Flut der unendlich vielen Möglichkeiten. Sie können genauso Beängstigung, Verwirrung und Verstörung bewirken. Reizüberflutung durch Überfülle kann Lähmung und Irritation hervor rufen.

In diesem Zyklus ist es mir darum gegangen, eine Zusammenschau zu versuchen und die einzelnen Disziplinen wie Physik, Mathematik, Philosophie, Kunst, Theologie, Psychologie und Mystik, die seit Jahrhunderten  auseinander triften, wieder zusammenzuführen, um so auf das Unus-Mundus-Motiv hinzuweisen, auf das Ur-Einsseins allen Seins.

Durch den Zauber, die Poesie und die Anschaulichkeit der Kunst wird die Sicht auf die Aussen- und Innenwelt sinnlich erfahrbar und man entzieht sich so einem erstickenden Zugriff durch ein zu einseitiges Weltbild.




Wien, 3. Juni 2003                                                                                    

ERNST OSTEINER OOATELIER: OKINZERPLATZ 24/73OA-1210 OWIEN OOOTELEFON: 0043/1/278 37 78 O E-MAIL: Oernststeiner@ernststeiner.at

Ernst Steiner