Das lebendige Kreuz.

Das Kreuz ist das älteste Heilszeichen der Menschheit. Es findet sich bereits auf den frühesten Denkmälern menschlicher
Kunst und Religion. Im Laufe von Jahrzehntausenden galt es gleich- zeitig oder wechselweise als Zeichen für die Gottheit
und den Kosmos, für Sonne, Licht und Leben, für Fülle, Ganzheit und Einheit. Es war und ist noch immer das Zeichen
sinnvoller, lebendiger Ordnung. Jedoch nicht nur die Welt, sondern auch der Mensch ist durch das Kreuz signiert. In seiner
Gestalt bildet sich das Gotteskreuz, das Weltenkreuz, das Erdenkreuz  ab. Dies gilt aber nicht nur für seinen Leib, sondern
auch für seinen Seelenbereich. Nach der Lehre des Psychologen C.G. Jung sind die seelischen Grundfunktionen des Men-
schen kreuzförmig geordnet. Darum läßt sich zusammenfassend sagen, daß sowohl der göttliche wie der irdische, der geis-
tige wie der sinnliche Bereich gleichermaßen durch das Kreuz sinn- und gestalthaft geordnet wird. Im Kreuz ist deshalb Heil,
das heißt Fülle, Schönheit, Sinnhaftigkeit. - Unordnung, außen oder innen, läßt darum stets auf Verletzung der Kreuz - Grund-
struktur des Lebens schließen. Solche Zerstörung der Harmonie von Gerechtigkeit und Liebe läßt sich erkennen, überwinden
durch die Meditation der Vollgestalt des Kreuzes: sie ist ein Weg zur Wiederherstellung der Ganzheit und des Friedens. Unter
diesem Gesichtspunkt sollten die Radierungen von Ernst Steiner, die so häufig und zentral das Kreuzmotiv aufweisen, verstan-
den werden. Er hat dieses aus tiefer Nötigung, aus Sehnsucht nach dem Heilwerden und als Mittel hiezu gefunden.
Seine Kreuze sind zumeist Lebensbäume, kreuzförmige Verschlingungen von Wurzeln und Ästen, aus denen Knospen und
Blüten hervorbrechen. Gewiß ist auch der Lebensbaum ein altes religiöses Menschheitsmotiv. Aber die Lebensbäume von
Ernst Steiner, Inbegriff des Drängens und Wachsens zur Vollgestalt, sind weniger durch die Tradition, als durch inneres Müssen,
durch die Vision des heilen Lebens, das alle Zerstörung überdauert, bestimmt. Dem Zerfall, dem Dunkel, dem Verharren im
Unbewußten setzt Ernst Steiner mit der Gestaltung seiner zugleich subtilen und kraftvollen Radierungen, die Hoffnung und
Fülle des lichten, beständig wachsenden Kreuzes entgegen. 

OOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOAlfons Rosenberg

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